Ausgesprochen falsch

Manche Menschen, die sich für gebildet halten, weisen gerne darauf hin, dass etwas bildungsfernere Schichten den Namen der Urlaubsinsel Mallorca mit einem deutschen l-Laut aussprechen, wie im deutschen hallo. Im Katalanischen, wie es auf den Balearen gesprochen wird, wird ein doppeltes l jedoch wie das deutsche j ausgesprochen. Aus dem lateinischen insula maior („die größere Insel“ – im Vergleich zu Menorca) war über die Zwischenform Maiorica das heutige Mallorca entstanden, das im Katalanischen und im Kastilischen (den beiden Amtssprachen auf der Insel) gleich geschrieben, aber leicht unterschiedlich ausgesprochen wird. Doch auch im Kastilischen – der Sprache, die wir allgemein als „Spanisch“ bezeichnen – klingt ein Doppel-l ähnlich (phonetische Feinheiten lassen wir einmal unberücksichtigt) wie ein deutsches j, und (das ist die Besonderheit) im Kastilischen wurde ll (groß Ll) bis 1994 sogar wie ein eigener Buchstabe behandelt, der eine eigene Stellung im Alphabet (zwischen l und m) hatte (also nicht, wie im Deutschen, zwischen lk und lm steht). So weit, so gut.

Was mir jedoch immer wieder auffällt, ist, dass genau jene Bildungsmenschen einer Art Hyperkorrektur (d.h. einer Korrektur von etwas, das keiner Korrektur bedarf) verfallen, wenn es um das Wort Tequila geht und daraus einen „Tequilla“ machen, also das l auch hier – völlig grundlos – als deutsches j aussprechen, obwohl ein spanisches l im Grunde sehr ähnlich klingt wie ein deutsches.

Überhaupt werden die meisten Buchstaben im Spanischen ähnlich wie im Deutschen ausgesprochen, aber es gibt halt ein paar Ausnahmen, die für große Verwirrung sorgen, denn: spanisches ll klingt ähnlich wie ein deutsches j, ein spanisches j hingegen klingt ähnlich wie das deutsche ch (in Wörten wie Bach), und spanisches ch (ebenfalls ein separat alphabetisierter Buchstabe) klingt wie ein deutsches tsch.

Gerade dieses ch sorgt aber für weitere Verwirrung. Einerseits gibt es Wörter wie Junta oder Gaucho, die die meisten Deutschen problemlos korrekt aussprechen. Dann gibt es Wörter wie Quijote oder den Ausruf ¡carajo!, die im Deutschen oft transkribiert werden, das heißt die Schreibweise (j) wird verändert (zu ch), um sie der deutschen Aussprache anzupassen: Quichot(t)e und Karacho. Das führt allerdings auch dazu, das dann das umgeschriebene Wort teilweise wieder falsch ausgesprochen wird, weil es für ch im Deutschen zwei Aussprachvarianten gibt (z.B. wie in Kuchen und Küche), und so wird der Ritter von der traurigen Gestalt gelegentlich auch analog zum französischen Lehnwort quiche ausgesprochen.

Analog dazu vermutet mancher auch hinter Lehnwörtern aus dem Spanischen, deren Schreibweise gar nicht verändert wurde, eine ähnliche Vorgehensweise. Man schreibt machete im Spanischen bereits mit ch (und nicht etwa mit j) und spricht die ersten drei (!) Buchstaben mach daher so aus wie das deutsche Wort Matsch, nicht wie den Imperativ mach. Dennoch vermuten viele Deutsche hier eine ähnliche Umwandlung wie von Quijote zu Quichote und wandeln die Machete in ein (fiktives) „majete“ zurück, das sie dann mit dem ch-Laut aus Bach aussprechen.

Auch im Englischen wird ein ch meist wie das deutsche tsch ausgesprochen, und im Süden und Westen der USA, wo viele Toponyme aus dem Spanischen übernommen wurden, ergeben sich keine Aussprachekonflikte. Ganz anders verhält es sich entlang dem Mississippi und in anderen Teilen der USA, in denen Ortsnamen (oft auf der Grundlage indianischer Bezeichnungen) zunächst von Franzosen vergeben wurden (siehe „Neue Welt und alte Namen“), denn im Französischen gleicht der ch-Laut (z.B. in quiche) dem des Deutschen in Wörtern wie Küche. In Namen wie Chicago (Stadt) und Michigan (Staat) haben die englischsprachigen US-Amerikaner diese Aussprache beibehalten und sie nicht ihrer eigenen angepasst (also der in chicken oder rich). Folglich heißt es nicht „Tschicago“ oder „Mitschigan“, wie man es oft in Deutschland hört.

Ein ähnliches Ausspracheproblem verursacht der Name Roosevelt, den immerhin zwei US-Präsidenten trugen. Auch hier ist wieder die Herkunft entscheidend für die Aussprache: Der Name stammt aus dem Niederländischen, wo er einfach nur „Rosenfeld“ bedeutet, und daher wird das Doppel-o wie das einzelne o im englischen Wort rose ausgesprochen und keinesfalls wie das oo in loose oder das o in lose (oder in loser – ein Wort, das im Deutschen auch gerne mal falsch geschrieben wird: to lose heißt „verlieren“, loose dagegen „lose“ oder „locker“).

Wichtig ist natürlich, dass sich lose und loose in der Aussprache nicht unterscheiden: Man kann ein doppeltes o im Englischen nicht „heraushören“. So wird es in loose ebenso wie in moose („Elch“) oder goofy („vertrottelt“ – bekannt durch die gleichnamige Disney-Figur) mit einem langen u-Laut gesprochen (wie im deutschen Wort Fuß). Andererseits ist der u-Laut aber kurz (wie im deutschen zucken oder gucken) in den auch hierzulande bekannten Wörtern cookie oder rookie. Oft fühlen sich aber deutsche Sprecher dazu verleitet, das u aufgrund der o-Doppelung (und wohl auch durch eine falsche Analogiebildung zu den oben erwähnten Wörtern) fälschlich in die Länge zu ziehen.

Obwohl die Namen amerikanischer Präsidenten eigentlich – zumindest während der jeweiligen Amtszeit – in den Medien allgegenwärtig sind, ist es verblüffend, dass sich oft nicht einmal professionelle Nachrichtensprecher die korrekte Aussprache aneignen können. Neben den Roosevelts waren vor allem Reagan und Obama die Opfer solcher Fehler. Kaum jemand konnte sich merken, dass Obamas Vorname Barack – ebenso wie die häufig falsch betonten Wörter tattoo oder avenger – auf der zweiten Silbe betont wird (wie das deutsche Baracke, nicht wie das englische barrack). Bei Reagan wurde hingegen das ea zum Problem: Es wird nicht wie das kurze e in pregnant ausgesprochen, sondern wie der Diphthong ay in raygun. (Das Gegenteil ist der Fall bei dem oft fälschlich mit Diphthong ausgesprochenen Namen Reynolds oder bei Meg(h)an, einer walisischen Form von Margarete.) Ausgerechnet in Reagans Amtszeit fielen dann auch noch unzählige Meldungen zum Flugabwehrsystem Patriot (ausgesprochen wie pay, nicht wie pat) und zu den cruise missiles (im amerikanischen Englisch wird das zweite i, im Unterschied zum britischen Englisch, kaum betont und schon gar nicht wie ai ausgesprochen).

Wenn die Deutschen Probleme mit der Aussprache von Namen amerikanischer Präsidenten haben, geht es den Amerikanern oft ähnlich – nicht nur mit der Aussprache ausländischer Staatsoberhäupter und Regierungschefs, sondern sogar mit denen der eigenen Politiker, wie etwa Pete Buttigieg (ein maltesischer Name) oder Arnold Schwarzenegger. Der wurde 2003 Gouverneur von Kalifornien, während sein Schauspielkollege Jesse Ventura von 1999 bis 2003 Gouverneur von Minnesota war. Beide hatten 1987 in dem Film Predator Hauptrollen gespielt, dessen Titel wiederum in Deutschland Ausspracheprobleme bereitet(e). Tatsächlich hat das Wort to predate im Englischen drei Bedeutungen mit zwei unterschiedlichen Etymologien: (a) „(zu)rückdatieren“ (also ein früheres Datum einsetzen), damit verwandt (b) „zeitlich vorangehen“ und (c) „Jagd machen“. Die ersten beiden Bedeutungen entstanden aus to date („datieren“) mit der Vorsilbe pre- („vor“), während die dritte auf das lateinische Wort praeda („Beute“) zurückgeht. Die Aussprache ist in allen Fällen gleich: Die Betonung liegt auf der zweiten Silbe. Wenn jedoch aus Bedeutung (c) das Substantiv predator („Raubtier“, wörtlich „Beutemacher“) gebildet wird, verschiebt sie sich auf die erste Silbe (im Unterschied zum deutschen Wort Prädator).

Große Verwirrung scheinen auch die Wörter launch und lounge auszulösen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, aber in der Aussprache oft vertauscht werden. Klären wir zunächst einmal die Bedeutung: Was wir im Deutschen mit dem Anglizismus Start bezeichnen (z.B. im Fall einer Rakete), wird im Englischen in vielen Fällen als launch bezeichnet, während start allgemein „Anfang“ oder „Beginn“ bedeutet. Vor allem im sehr stark von Anglizismen geprägten Bereich des Marketings wurde in den letzten Jahren auch der Begriff Launch in die deutsche Sprache übernommen, um beispielsweise die Markteinführung eines neuen Produkts zu bezeichnen. Das au wird dabei aber nicht wie das deutsche au ausgesprochen (etwa in Haus), sondern als langes offenes o, ähnlich wie im deutschen vorn oder Korn. Im Unterschied dazu bezeichnet das englische Wort lounge einen „Salon“ oder„Aufenthaltsraum“, aber auch ein „Foyer“ oder ein „Sofa“ (als Verkürzung von lounge chair). Im Deutschen wird es vor allem in der Bedeutung „Aufenthaltsraum“ gebraucht, etwa an Flughäfen. Das ou klingt in diesem Fall ähnlich wie das deutsche au in Haus. Ferner ist zu beachten, dass das -nch in launch stimmlos ist (wie das tsch in Tscheche), das -nge in lounge hingegen stimmhaft (wie das dsch in Dschungel).

Auch beim Englischen führt Hyperkorrektur häufig zu durchaus vermeidbaren Fehlern. Dass ein englisches w von Deutschen wie ein deutsches w (und damit wie ein englisches v) ausgesprochen wird, gehört für Briten und Amerikaner – ebenso wie das th, das zum s wird – zu den typischen Merkmalen eines deutschen Akzents – von den Katzenjammer Kids bis Hogan’s Heroes. Umgekehrt sind sich viele Deutsche dieses (begründeten) Klischees so bewusst, dass sie ihre eigene Aussprache überkorrigieren und auch ein englisches v wie ein englisches w aussprechen – das führt dann zu „Miami Wice“ oder „West Wirginia“!

Besonders peinlich sind aber jene Besserwisser, die darauf hinweisen, dass der Begriff hi-fi eine Kurzform von high fidelity sei und daraus den (falschen) Schluss ziehen, in der Kurzform müssten die Buchstaben i in hi und in fi unterschiedlich ausgesprochen werden, weil sie auch in high und fidelity unterschiedlich klingen. Heraus kommt dabei dann die Aussprache „Hai-Fie“ – die natürlich nicht nur falsch ist (ein Brite oder Amerikaner versteht unter high fee allenfalls eine „hohe Gebühr“), sondern auch nicht zu der genannten Begründung passt. Das i in fidelity ist nämlich – weil die Betonung des Wortes auf der zweiten Silbe liegt – ein kurzes und schwaches, wie etwa in dem Namen Michelle, aber kein langes wie in Fiedel. Und das U.S. Marine Corps (das US-Marineinfanteriekorps!) kürzt sein Motto Semper fidelis („immer treu“) auch Semper fi ab – und das reimt sich ebenfalls auf Hai. Gleiches gilt natürlich für sci-fi, die Kurzform von science fiction, auch wenn das i in fiction kurz, aber betont ist, und ebenso für den geschützten Eigennamen WiFi (der so gut wie nie falsch ausgesprochen wird): hi, sci, fi und Wi reimen sich allesamt auf Hai!

Kommen wir am Schluss noch zu einem der in Deutschland am häufigsten falsch (oder eigentlich fast nie richtig) ausgesprochenen englischen Wörter: iron („Eisen“). Um es kurz zu machen: Das r in diesem Wort ist stumm! Das Wort reimt sich auf das deutsche Laien. In einigen Teilen Amerikas hört man ein gerolltes r unmittelbar vor dem n (!) – das klingt es so, als ob man (B)ayern oder eiern mit einem amerikanischen Akzent ausspräche. Aber niemals klingt es wie „ai-ren“! Das gilt natürlich auch für Ironman und Iron Man – für den Sportwettbewerb wie für den Marvel-Helden.

Eine ausführliche Version dieses Beitrags gibt es in meinem Buch Dr. Kinnes Sprechstunde, das auch einen Link zu meinem Online-Quiz enthält.

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