Ein mehr oder weniger vereinigtes Königreich

Anlässlich des schlagzeilenbeherrschenden Chaos, das man umgangssprachlich als “Brexit” bezeichnet (ein hübsches Kofferwort aus British/Britain und exit), ist der Inselstaat im Nordwesten Europas verstärkt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Leicht zu verstehen ist er gewiss nicht – und das nicht erst seit dem EU-Austritt(sgesuch).

(Als dieser Text verfasst wurde, war der “Brexit” übrigens noch nicht vollzogen. Ich werde versuchen, ihn möglichst zeitnah den aktuellen Entwicklungen anzupassen.) Beim Austritt aus der Europäischen Union geht es um das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland, englisch United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland (ja, merkwürdigerweise heißt united hier und im Falle der USA im Deutschen vereinigt, im Falle der United Nations aber vereint!). Diese Vereinigung entstand 1801 zunächst als Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Irland (United Kingdom of Great Britain and Ireland) – grob gesagt: den beiden großen Inseln (wir kommen noch darauf zurück) –, nachdem zuvor (1707) bereits das Königreich Großbritannien (hauptsächlich die östliche, größere Insel) aus dem Zusammenschluss der Königreiche England (dem Wales bereits 1536 einverleibt worden war) im Süden und Schottland im Norden entstanden war.

England und Wales (walisisch Cymru a Lloegr) bilden ein Gebiet gemeinsamer Rechtsprechung, ebenso wie Schottland und Nordirland – es gibt also drei solcher legal jurisdictions. Im Unterschied dazu sind England, Wales, Schottland und Nordirland separate Länder (countries of the United Kingdom) – von diesen home countries oder home nations gibt es folglich vier, die beispielsweise auch in einigen Sportarten separate „Nationalmannschaften“ stellen.

Der 2-Buchstaben-Code nach ISO 3166 für das Vereinigte Königreich lautet GB (weil Staatsformbezeichnungen wie „Königreich“ oder „Republik“ für die Bildung der ISO-Codes grundsätzlich nicht berücksichtigt werden), das Kürzel für die Top-Level Domain (TLD) im Internet lautet aber uk – nach der geläufigsten Bezeichnung im Land selbst (die ebenfalls zugeteilte TLD gb wird nicht genutzt). Im deutschen Sprachraum ist die englische Abkürzung U.K. (für “United Kingdom”) unüblich, taucht in geschäftlichen Zusammenhängen jedoch vereinzelt auf.

In Ermangelung einer anderen Bezeichnung werden alle Bewohner des Vereinigten Königreichs (auch die Nordiren) als Briten bezeichnet, und das Adjektiv lautet britisch – und das auch im amtlichen Gebrauch und nicht nur im Deutschen. Auch wenn sie fast unumgänglich ist, stiftet diese Praxis Verwirrung. Die Bezeichnung (Great) Britain (deutsch Großbritannien, sehr selten Britannien), die historisch das alte Königreich Großbritannien und geographisch die größte Insel (mit ihren kleinen vorgelagerten Inseln) bezeichnet, wird zwar volkstümlich auch synonym auch für das gesamte Vereinigte Königreich verwendet, sollte aber im offiziellen Gebrauch vermieden werden, insbesondere wenn ausdrücklich auch Nordirland eingeschlossen ist. Ein Beispiel: Wenn die Firma X ihren Hauptsitz in London hat, ist es natürlich gleichermaßen korrekt zu sagen, er liege im Vereinigten Königreich oder in Großbritannien. Wenn die Firma Y aber drei Niederlassungen im Vereinigten Königreich hat – in London, Edinburgh und Belfast –, dann liegen davon nur zwei in Großbritannien, die dritte in Nordirland. Noch „schlimmer“ ist eigentlich nur, alle Briten als Engländer zu bezeichnen, denn damit tritt man nicht nur Nordiren, sondern auch Walisern und Schotten auf die Füße.

UK.jpg

Grafik: Thomas Kinne, CC0

Die geographische Bezeichnung Britische Inseln (englisch British Isles, nicht zu verwechseln mit den British Islands – dazu mehr weiter unten) schließt hingegen neben der großen Insel Großbritannien die kleinere Insel Irland mit ein, auf der sich Nordirland (Teil des U.K.) und die (unabhängige und souveräne) Republik Irland (Poblacht na hÉireann) befinden. Ebenso gehören zahlreiche kleinere vorgelagerte Inseln (einschließlich Man) dazu (insgesamt über 6.000!), aber – im strengen Sinn – nicht die Kanalinseln (auch dazu mehr im nächsten Absatz). Nach dem irischen Unabhängigkeitskrieg war 1922 der Irische Freistaat (Saorstát Éireann) gegründet worden, der 1937 in Irland (Éire) umbenannt und 1949 offiziell zur Republik erklärt wurde (davor spielte der britische König noch eine nominal vorhandene, aber in der Praxis sehr unbedeutende Rolle für diesen Staat). In Irland wird die Bezeichnung Britische Inseln aus verständlichen abgelehnt (und wurde auch aus Schulatlanten verbannt), weil sie nach Auffassung vieler Iren territoriale Ansprüche Großbritanniens impliziert. Hier gibt es Vorschläge wie Anglo-Celtic Isles oder Islands of the North Atlantic (kurz IONA), aber keiner dieser Begriffe hat sich bisher großflächig durchgesetzt. Meist umgeht man den Sammelbegriff elegant, indem man einfach von Éire agus an Bhreatain Mhór („Irland und Großbritannien“) spricht.

Die Insel Man (Isle of Man, Manx Ellan Vannin), die zwischen den beiden Inseln Großbritannien und Irland liegt, gehört geographisch zwar auch zu den Britischen Inseln, aber politisch nicht zum Vereinigten Königreich: Auf den Pässen stehen anstelle der Worte “United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland” die Worte “British Islands – Isle of Man”.

Die der Normandie vorgelagerten Kanalinseln (Channel Islands, auch Normannische Inseln genannt) gehören auch geographisch nicht zu den British Isles, sondern zum Kontinent (geologisch sind sie Gipfelreste des Armorikanischen Massivs). Dennoch werden sie im Vereinigten Königreich mitunter zu den British Islands (ein politischer, kein geographischer Begriff) gerechnet, die aus dem United Kingdom (einschließlich Nordirland, aber ohne den Süden Irlands), den Kanalinseln und der Insel Man bestehen. Die Kanalinseln sind, wie die Insel Man, politisch nicht Bestandteil des Vereinigten Königreichs (und gehörten territorial niemals zur EU), sondern Kronbesitztümer (Crown Dependencies). Die vierzehn Inseln, von denen acht bewohnt sind, sind administrativ in zwei Vogteien (engl. bailiwicks) unterteilt: Guernsey im Norden (bestehend aus den sub-jurisdictions Guernsey, Alderney und Sark) und Jersey im Süden. Die beiden Vogteien sind jeweils für sich direkt der Krone unterstellt und bilden keine politische Einheit, d.h. Kanalinseln ist keine politische, sondern nur eine geographische Bezeichnung. Auch wenn sie nicht zum U.K. gehören, sind die Bürger der Kanalinseln und der Insel Man – in den Römischen Verträgen als “Channel Islanders or Manxmen” zusammengefasst – Bürger der EU, solange das Vereinigte Königreich Mitglied der EU war, aber sie besaßen nie die gleichen Rechte, beispielsweise hinsichtlich der Bewegungsfreiheit.

Daneben gibt es noch ein gutes Dutzend Britische Überseegebiete (British Overseas Territories), die nicht Teil des Vereinigten Königreichs sind und – mit Ausnahme von Gibraltar – auch nie Teil der Europäischen Union waren. Deren Bürger besitzen keine eigene Staatsbürgerschaft, sondern eine britische Überseegebiets-Staatsbürgerschaft. Sie dürfen ihren Wohnsitz in das Vereinigte Königreich verlegen, während umgekehrt nicht jeder Bürger des Vereinigten Königreichs in jedes Überseegebiet ziehen darf. Zu diesen Gebieten gehören zum Beispiel Bermuda, die Britischen Jungferninseln, die Falklandinseln oder Gibraltar. Staatsoberhaupt dieser Überseegebiete ist der britische Monarch.

Im Unterschied dazu sind die völlig unabhängigen und souveränen Commonwealth Realms selbständige Staaten und – mit Ausnahme des Vereinigten Königreichs selbst (bis zu dessen Austritt) – keine Mitglieder der EU. Ihnen allen ist aber gemeinsam, dass der britische Monarch auch ihr Staatsoberhaupt ist und sie folglich allesamt Monarchien sind. Zu ihnen zählen Kleinstaaten wie die Bahamas, Barbados und St. Lucia, aber auch größere bis sehr große wie Papua-Neuguinea, Australien, Neuseeland und Kanada, der zweitgrößte Staat der Erde.

Die Realms sind nicht zu verwechseln mit den Mitgliedern des Commonwealth of Nations, unter denen neben den erwähnten Monarchien der Commonwealth Realms auch noch mehr als doppelt so viele, teils sehr bevölkerungsreiche Republiken (z.B. Indien, Bangladesch, Pakistan, Nigeria) sowie konstitutionelle Monarchien anderer Dynastien (z.B. Malaysia, Lesotho, Eswatini, Tonga) und andere Regierungsformen (z.B. Brunei Darussalam, West-Samoa) gehören. Mosambik und Ruanda sind übrigens die einzigen Commonwealth-Mitglieder, die niemals britische Kolonien waren.

Eine ausführliche Version dieses Beitrags gibt es in meinem Buch Dr. Kinnes Sprechstunde, das auch einen Link zu meinem Online-Quiz enthält.

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