Neue Welt und alte Namen

Auf den ersten Blick wirken die Ortsnamen auf der Landkarte der USA bunt und willkürlich zusammengewürfelt aus den unterschiedlichsten Sprachen – ähnlich wie die Bevölkerung des Landes. Doch bei genauerem Hinsehen gewähren Sie uns interessante Einblicke in die Siedlungsgeschichte des Landes. Wenn Sie sich auch schon einmal die Frage gestellt haben, welche Geschichten hinter Namen wie Albuquerque, Chicago oder Los Angeles stecken, dann kommen Sie mit auf eine kleine USA-Reise durch Raum und Zeit!

Lange vor der Besiedlung durch englischsprachige Europäer und schon zwei Jahrzehnte nach Kolumbus stach Juan Ponce de León von Puerto Rico aus in See und erreichte das Land, das heute den Südosten der USA bildet. Am 2. April 1513 gab er dem Land einen Namen, der ein halbes Jahrtausend erhalten blieb: „blühendes Land“ – Terra Florida. Es war nicht nur der erste europäische Name auf dem amerikanischen Kontinent, sondern auch der erste spanische, und bis heute gibt es noch über 2.000 spanische Ortsnamen in den heutigen USA.

Die englischen Forscher und Eroberer – unter anderem Sir Walter Raleigh – kamen rund 70 Jahre später und gingen zunächst weiter nördlich an Land. Sie kamen auch mit früheren Siedlern in Kontakt, die aus Asien über die Beringstraße nach Amerika gekommen waren und die die Europäer Indianer nannten. Durchaus wohlwollend übernahmen die Engländer indianische Ortsbezeichnungen, passten sie aber meist der eigenen Aussprache an und veränderten damit auch gelegentlich die Bedeutung. Aus einem indianischen Moskitu-auke, das eigentlich „Grasland“ bedeutet, konnte so ein Mosquito Hawk werden, eine andere Bezeichnung für „Libelle“.

Als nach den Abenteurern im frühen 17. Jahrhundert auch die ersten britischen Siedler ins Land kamen, folgten die Ortsbezeichnungen schon einer anderen Systematik. Die erste Siedlung, Jamestown, wurde brav nach dem König benannt, auf andere Siedlungen übertrug man einfach Namen aus der alten Heimat, wie etwa Plymouth, wo 1620 die Pilgerväter landeten. Bereits 1630 erging sogar ein Gerichtsbeschluss in Massachusetts, der die Übernahme englischer Namen für Neuengland amtlich anordnete.

Derweil hatten sich auch die Franzosen ihr Stück der Neuen Welt gesichert und im heutigen Kanada bereits Nouveau France gegründet, doch von dort aus drängten sie auch südwärts. Auch sie übernahmen dabei oft Ortsnamen aus Indianersprachen und schrieben sie so auf, wie sie sie hörten. Aus einem Indianerwort, das – je nach heutiger Deutung – „Marschland“, „Stinktier“ oder „Wildzwiebeln“ bedeutete, wurde zum Beispiel Checagou und schließlich Chicago.

Während Franzosen entlang des Mississippi nach Süden vorstießen, zog es die Spanier, die im frühen 16. Jahrhundert nach Mexiko gekommen waren, immer weiter nach Norden. Wie es üblich war, benannten sie Orte häufig nach Heiligen, zum Beispiel nach dem, dessen Namenstag am Tag der Gründung oder Entdeckung gefeiert wurde. Nachdem die Spanier zunächst an der Küste des Landes nordwärts gesegelt waren, das sie California nannten (und das sowohl aus dem heutigen US-Bundesstaat Kalifornien als auch dem mexikanischen Niederkalifornien [Baja California] bestand), drangen sie vom Pazifik aus auch ins Landesinnere vor. Hier gründeten sie beispielsweise La villa de Alburquerque (mit r, das heutige Albuquerque), benannt nach dem 10. Herzog von Alburquerque. Im späten 17. Jahrhundert stießen auf das Gebiet, das die Franzosen beanspruchten und das René-Robert Cavelier, Sieur de La Salle, zu Ehren seines Königs la Louisiane genannt hatte. Zu diesem Zeitpunkt erhob mindestens eine der damaligen drei europäischen Großmächte Anspruch auf jeden Teil der heutigen USA (ohne Alaska und Hawai‘i).

Mit dem Kauf von la Louisiane im Jahre 1803 endete die Herrschaft der Franzosen auf dem Gebiet der heutigen USA, doch einige ihrer Ortsnamen – von Detroit („Straße, Meerenge“) im Norden bis Baton Rouge („roter Stock“) im Süden überlebten, ebenso wie der Name Louisiana. Ein paar für englische Zungen besonders unaussprechliche Ortsnamen wie St. Joachim wurden allerdings auch lautlich „angepasst“ und endeten, wie in diesem Beispiel, als Swashing Creek.

Die Spanier gründeten derweil im Westen, vor allem in einem breiten Streifen entlang der Pazifikküste, immer mehr Missionen. Aus diesen wuchsen später kleine und große Städte: So wurde aus der Mission des heiligen Franz von Assisi das heutige San Francisco. Im italienischen Assisi gibt es auch eine Kapelle namens Santa Maria degli Angeli, die im Volksmund porziuncola („Fleckchen Land“) genannt wird. Spanische Franziskanermönche widmeten der heiligen Maria 1781 ein Dorf in Kalifornien, das sie – etwas umständlich – El Pueblo de Nuestra Señora la Reina de los Ángeles de la Porciúncula nannten. In gleichem Maße, wie das Dorf zur Stadt wuchs, verkürzte sich der Name, bis er ganz offiziell auf Los Angeles geschrumpft war – und heute genügen in der Umgangssprache zwei Buchstaben: L.A.

Mit der Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika kam auch die Zeit neuer Namenspatrone. Hatte man in der Vergangenheit Orte noch nach Monarchen benannt (Georgetown, Fredericksburg, St. Louis), waren nun Vorkämpfer der neuen Republik an der Reihe. Abgeordnete (Franklin, Hancock, Adams), Soldaten (Warren, Wayne, Knox), Helden des Unabhängigkeitskriegs (Lafayette, Mercer, Steuben) und natürlich der erste Präsident des neuen Landes, George Washington, wurden in zahlreichen Ortsnamen im gesamten Land verewigt. Auch der Allianz mit Frankreich trug man Rechnung in Ortsnamen wie Louisville und Paris.

Während die frühere Kolonialmacht England ungern daran erinnert hatte, dass eigentlich ein Italiener in spanischem Auftrag die Neue Welt (wieder)entdeckt hatte, entdeckten die USA Kolumbus sozusagen neu. So wurde 1786 die neue Hauptstadt von Südkarolina Columbia genannt, und es folgten unzählige weitere Städte im ganzen Land mit den Namen Columbus und Columbia. Tatsächlich hatte man Columbia – lange vor der Gründung Kolumbiens – bereits als Bezeichnung für das neue Land in Erwägung gezogen, doch es blieb bei der unhandlichen Bezeichnung United States of America.

Als Modeerscheinung kann man es bezeichnen, dass man sich nicht nur in der Architektur, sondern auch in den Ortsbezeichnungen eine Zeitlang auf die Antike zurückbesann – sie verpasste dem jungen Staat zumindest an der Oberfläche einen Anstrich von Tradition und Historie. Der Seneca-See im Staat New York ist eigentlich nach einem Irokesenstamm benannt, der sich selbst als Onödowá’ga:’ („Volk vom großen Berg“) bezeichnet. Weil der englische Name jedoch mit dem des römischen Philosophen zufällig identisch ist, entstand in der Gegend ein “Classical Belt” mit gut zwei Dutzend klassischen Ortsnamen, vom bekannten Syracuse, Ithaca und Rome bis hin zu Ulysses, Virgil und Cincinnatus.

Der römische Feldherr Lucius Quinctius Cincinnatus lieh seinen Namen freilich auch der viel bekannteren Stadt Cincinnati. Diese hieß ursprünglich Losantiville, und dieser Ortsname ist ein interessantes Beispiel dafür, wie man in Amerika Toponyme zusammenwürfelte: Das L stand für das englische Licking River (ein Nebenfluss, der hier in den Ohio mündete), os für das lateinische Wort für „Mund“ (oder „Mündung“), anti für das griechische Wort für „gegen(über)“ und ville für das französische Wort für „Stadt“ – und so sollte Losantiville bedeuten: „Stadt gegenüber der Mündung des Licking Creek“.

Durch die Kombination von Wortfragmenten entstanden auch andere Namen, etwa Städte in Grenzregionen wie Texarkana (Texas + Arkansas), Calneva und Calada (California + Nevada) oder Calexico (California + Mexico). Der Name der Stadt Newport in Texas ist angeblich ein Akronym ihrer Gründerväter Norman, Ezell, Welch, Pruitt, Owsley, Reiger und Turner. Phantasievoll ging man auch vor, wenn man Wörter einfach rückwärts buchstabierte, um neue Namen zu erfinden, zum Beispiel Maharg, Rolyat oder Sacul. Der Name von Ti in Oklahoma ist sogar ein Akronym für Indian Territory, das rückwärts geschrieben wurde!

Im Süden mit seinen ausgedehnten Plantagen und Landgütern waren romantische Begriffe wie Belmont („schöner Berg“) und Bellevue („schöne Aussicht“), aber auch botanische Namen wie Della Rosa, Ashwood, Greenleaves, Magnolia Grove, Elmscourt oder Myrtle Hall sehr beliebt.

Ganz anders ging es weiter westlich zu, wo ein deutlich rauherer Umgangston unter Eisenbahnern, Goldgräbern, Cowboys und Gesetzlosen herrschte. Dort entstanden ganz unpoetische Namen wie Cut Throat Bar, Gouge Eye, Mugfuzzle Flat, Dead Mule Canyon, Jackass Gulch, Slumgullion, Poodle Town oder Quack Hill. Die meisten dieser Ortsnamen sind auf heutigen Landkarten nicht mehr zu finden, weil entweder die Orte selbst verschwunden sind oder sie später umbenannt wurden – denn wer würde schon nach Hell-out-for-Noon City ziehen wollen?

Im Jahr 1890 wurde das Amt für geographische Namen (Board of Geographic Names) gegründet, um Namensstreitigkeiten zu schlichten. Man versuchte auch, ein wenig Ordnung zu schaffen, indem man „Vereinfachungen“ durchzusetzen versuchte, doch als man Pittsburgh (benannt nach dem britischen Staatsmann William Pitt) das ‑h entziehen wollte, gingen schottisch-irische Einwanderer sofort auf die Barrikaden, weil sie darin eine Germanisierung des Wortes sahen, und aus den guten Vorsätzen des Amtes wurden rasch Anlässe für neue Dispute, die es vorher gar nicht gegeben hatte. Der Vereinfachung sollte es auch dienen, die im Englischen ungebräuchlichen diakritischen Zeichen fortzulassen, doch genau diese Maßnahme wird heutzutage häufig als einen Eingriff in die kulturelle Geschichte eines Ortes. So führte die kalifornische Stadt San José in den 1960er und 1970er Jahren den (im Spanischen korrekten) Akut auf dem e nach und nach wieder als amtliche Schreibweise des Ortsnamens ein, doch der Gebrauch hat sich bisher nicht konsequent durchgesetzt.

Im 20. Jahrhundert gab es kaum noch unbenannte Orte. Als man den ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, dessen Name eng mit der US-Raumfahrt in Verbindung steht, 1963 durch die Umbenennung von Cape Canaveral (spanisch Cabo Cañaveral) in Cape Kennedy ehren wollte, stieß man auf so starken Widerstand der Bevölkerung vor Ort, dass man die Abschaffung des Namens aus dem frühen 16. Jahrhundert nur zehn Jahre später wieder rückgängig machte. Auch der Staat Alaska entschied sich 2015, dem höchsten Berg Nordamerikas, der seit 1896 den Namen des 1901 ermordeten Präsidenten William McKinley getragen hatte, offiziell den Namen Denali zurückzugeben, den die einheimischen Indianer schon seit Jahrhunderten verwendet hatten.

Eine ausführliche Version dieses Beitrags gibt es in meinem Buch Dr. Kinnes Sprechstunde, das auch einen Link zu meinem Online-Quiz enthält.

 

Image by Ylanite Koppens from Pixabay

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