Komplexer Bruch

Wer ein Buch oder ein anderes altes Schriftstück im Schrank der Groß- oder Urgroßeltern findet oder in Zeitungen recherchiert, die vor der letzten Jahrhundertmitte erschienen, kommt meist nicht umhin, gebrochene Schriften zu lesen. Auch heute noch verwenden viele Zeitungen im In- und Ausland im Titel eine gebrochene Schrift, und man begegnet ihr auch auf Urkunden.

Wie die Alternativbezeichnung gotische Schriften andeutet, besteht eine Verwandtschaft zum Kunststil der Gotik, der sich dadurch auszeichnet, dass die romanischen Rundbögen „gebrochen“ wurden. Was wir gut in den Fenstern des Kölner Doms erkennen, übertrug man auch auf die Schrift: Die Bögen der Kleinbuchstaben (auch Gemeine oder Minuskeln genannt) wurden „gebrochen“.

Daraus ergab sich die Sammelbezeichnung für eine Reihe solcher Schriftarten, die alle in der ersten Hälfte des letzten Jahrtausends entstanden, also vor der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg. Aus diesen Schriften wurden danach auch Schriften für den Schriftsatz, sogenannte Satzschriften, entwickelt. Zu den bekanntesten, die über Jahrhunderte im Druck deutscher (und anderer nordeuropäischer) Texte verwendet wurden und daher auch heute noch häufig in alten Büchern und Zeitungen zu sehen sind, gehören Textura (von lat. textura = „Gewebe“), Rotunda (von lat. rotunda = „die Runde“, auch Rundgotisch genannt), Schwabacher (dazu mehr weiter unten) und Fraktur (von lat. fractura = „Bruch“). Da Fraktur eigentlich „Bruch“ bedeutet, werden gebrochene Schriften volkstümlich und sogar von Schriftsetzern allesamt als Fraktur bezeichnet (Textura als „gotische Fraktur“, Rotunda als „rundgotische Fraktur“ und Schwabacher als „spätgotische Fraktur“, auch wenn es sich bei der Frakturschrift strenggenommen nur um eine von mehreren gebrochenen Schriften handelt.

Es bereitet dem modernen Leser meist keine großen Schwierigkeiten, Texte in gebrochener Schrift zu entziffern, doch wird man heutzutage in Schulen kaum noch im korrekten Gebrauch dieser Schriften unterrichtet, was zu zwei – leider sehr häufig anzutreffenden – Kardinalfehlern im Umgang mit diesen Schriften führt.

Oft sieht man, dass Versalien („Großbuchstaben“, auch Majuskeln genannt) aus gebrochenen Schriften aneinandergereiht werden. In anderen Schriften ist dies problemlos möglich, doch in gotischer Schrift ist nicht nur ästhetisch sehr unschön und zudem schwer lesbar, sondern regelrecht verpönt: „Versalsatz [muss] in Gebrochenen Schriften grundsätzlich bei guter Typografie ausgeschlossen werden“, schreibt der renommierte Typograph Albert Kapr (Albert Kapr, Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen Schriften, Mainz: Hermann Schmidt, 1993, S. 94). Majuskeln sollten hier nur am Wortanfang stehen. Besonders verschnörkelte Lettern gar sind als Initialen ausschließlich für den Beginn eines Textes oder Absatzes gedacht.

Eine weitere Fehlerquelle sind die beiden Varianten des Buchstabens s: das „lange s“ in der Wortmitte oder am Wortanfang, das „runde s“ am Wortende. Dabei gelten bei zusammengesetzten Wörtern (Komposita) das Ende und der Anfang jedes Bestandteils als Wortende bzw. ‑anfang.

Aus der Ligatur (Buchstabenverschmelzung, von lat. ligatur „es wird verbunden“) von langem s und nachfolgendem z (das in der Form einer um eine Halbzeile nach unten versetzten 3 entsprach) entstand das ß, das mit der Bezeichnung Eszett noch auf diese Entstehungsgeschichte verweist, auch wenn es (zum Beispiel in der Schweiz) einem Doppel-s entspricht. Mitte 2017 führte der Rat für deutsche Rechtschreibung das große Eszett (ẞ) offiziell in die deutsche Sprache (außerhalb der Schweiz und Liechtensteins) ein – die Diskussion über diesen Buchstaben, die über hundert Jahre angedauert hatte, fand endlich ein Ende. Der Buchstabe hat den Unicode (hex) 1E9E, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis er in allen Schriftarten zu finden ist.

Gebrochene Schriften werden häufig – vor allem auch im Ausland – mit Deutschland und der deutschen Sprache in Verbindung gebracht, obwohl sie weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Verwendung fanden (und zum Beispiel in Zeitungstiteln bis heute finden) und zum Teil auch außerhalb Deutschlands entstanden waren. Besonders fatal ist jedoch die Assoziation dieser Schriften mit der Zeit des Nationalsozialismus. Dies geschieht nicht nur im Ausland, sondern auch in Deutschland selbst. Noch heute bedienen sich rechtsradikale Organisationen im In- und Ausland gebrochener Schriften und scheinen dabei völlig zu missachten, dass diese Schriften lange vor dem „Dritten Reich“ in Gebrauch (und ideologisch völlig unbelastet) waren und von den Nationalsozialisten selbst sogar als jüdische Schriften („Judenlettern“) diffamiert wurden, was Anfang 1941 zum Verbot führte. Die Bezeichnung „Schwabacher Judenlettern“ und die daraus abgeleitete Begründung für den Erlass ist allerdings völlig aus der Luft gegriffen. Die Herkunft des Namens „Schwabacher“ ist umstritten, da es im 15. Jahrhundert, als die Schrift entstand, keinen Schriftschneider dieses Namens gab und in der Stadt Schwabach auch keine Druckerei. Möglicherweise geht die Bezeichnung auf die sogenannten „Schwabacher Artikel“ zurück, für die diese damals sehr verbreitete Schrift 1529 verwendet wurde. Es handelt sich dabei um eine lutherische Bekenntnisschrift – eine Beziehung zum Judentum geht daraus keineswegs hervor. (Helmut Heiber, Die Rückseite des Hakenkreuzes: Absonderliches aus den Akten des Dritten Reiches, München: dtv, 1993, S. 224f). Es gehört zu den zahlreichen Absurditäten jenes Regimes, dass der „Normalschrift-Erlass“ auf dem Briefpapier der NSDAP erschien, in dessen Kopf der Name der Partei in einer gebrochenen Schrift gedruckt war …

Eine ausführliche Version dieses Beitrags gibt es in meinem Buch Dr. Kinnes Sprechstunde, das auch einen Link zu meinem Online-Quiz enthält.

 

Image by Krzysztof Karwan from Pixabay

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