Das Ende von Europa

Keine Angst – hier geht es nicht um den Untergang des Abendlandes, sondern ganz einfach um die Frage nach den „natürlichen“ Grenzen Europas. Wenn wir von Deutschland aus gen Osten aufbrechen, verlassen wir irgendwann Europa und gelangen nach Asien – so viel steht fest. Aber wo genau liegt die Grenze?

Erstaunlicherweise können uns ausgerechnet Geographen und Geophysiker darauf keine eindeutige Antwort geben, denn aus wissenschaftlicher Sicht gibt es nur die Landmasse Eurasien, und im Vergleich zur Größe Asiens ist das politisch, kulturell und wirtschaftlich so bedeutsame Europa mit seinen zahlreichen Staaten und seiner ereignisreichen Geschichte allenfalls ein Anhängsel im Westen dieser Landmasse.

Genau diese kulturhistorische Bedeutung hat aber dazu geführt, dass man Europa – allen natürlichen Gegebenheiten zum Trotz – wohl unumstritten weltweit als eigenen Kontinent betrachtet. Der fließende Übergang zwischen Europa und Asien macht es aber äußerst schwierig, die beiden Kontinente klar voneinander abzugrenzen, und daher gibt es auch keine einheitliche Festlegung – allenfalls einen breiten Konsens.

Diesem Konsens zufolge verläuft die Grenze vom Uralgebirge im Norden durch den gleichnamigen Fluss, das Kaspische Meer, den Kaukasus und das Schwarze Meer mit Bosporus und Dardanellen. Da Gebirge und Meere aber keine Linien darstellen, ist diese Abgrenzung an sich schon vage. Gerade im Süden gibt es zahlreiche Varianten, die sehr stark voneinander abweichen und auch davon abhängen, in welchem Land eine Karte gezeichnet wurde.

Von diesem Grenzverlauf hängt unter anderem auch die Antwort auf die Frage ab, welches der höchste Berg Europas ist. Zählt man den Elbrus im Kaukasus zu Europa, gebührt ihm mit einer Höhe von 5.642 Metern diese Krone, doch wenn er zu Asien gehört (wo es bekanntlich deutlich höhere Berge gibt), fällt der Spitzenplatz an den Mont Blanc in den Alpen mit seinen 4.810 Metern.

Auf keinen Fall folgt die Grenze zwischen Europa und Asien politischen Grenzen, was dazu führt, dass Russland, Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan und die Türkei auf beiden Kontinenten liegen. Je nach Grenzverlauf gibt es derzeit (2020) bis zu 50 souveräne Staaten, die ganz oder teilweise in Europa liegen.

Wenn Briten von Europe sprechen, meinen sie häufig den Rest von Europa – das eigene Land ausgenommen. Vermutlich hat der EU-Austritt diese Wahrnehmung noch verstärkt. Aber auch wenn wir von Europa sprechen, meinen wir häufig die Europäische Union (EU), der aber nur gut die Hälfte der Staaten Europas angehören – genau 27. Weder das kleinste (Vatikanstadt) noch das größte (Ukraine) vollständig in Europa gelegene Land sind Mitglied der EU. Andererseits ist die Zypern, das geographisch eindeutig zu Asien gehört, Vollmitglied der Union.

Durch ihre Zugehörigkeit zu EU-Staaten sind darüber hinaus auch noch weitere Gebiete, die nicht in Europa liegen, integraler Bestandteil der Union, auch wenn für sie einige Sonderregelungen gelten. Sie werden als Gebiete in äußerster Randlage (GÄR) oder englisch als Outermost Regions (OMR) bezeichnet. Dazu gehören Ceuta, Mellila in Nordafrika und die Kanarischen Inseln (Spanien), Madeira und die Azoren (Portugal) im Atlantik sowie die französische Gebietskörperschaft (COM = Collectivité d’outre-mer) Saint-Martin und die französischen Übersee-Departements (DROM = départements et régions d’outre-mer) Guadeloupe und Martinique in der Karibik, Französisch-Guayana in Südamerika sowie Réunion und seit 2014 auch Mayotte im Indischen Ozean.

Weitere von EU-Staaten abhängigen Gebiete in Übersee sind der EU als Überseeische Länder und Hoheitsgebiete (ÜLG), englisch Overseas Countries and Territories (OCT) nur angeschlossen (assoziiert). Das politisch zu Dänemark, geographisch und geologisch aber zu Nordamerika gehörende autonome Grönland im Atlantik trat 1985 nach einem Volksentscheid aus der EU aus, die französische COM Saint-Barthélemy 2012. Auch die übrigen französischen Überseegebiete (Neukaledonien, Französisch-Polynesien und die Französischen Süd- und Antarktisgebiete) sowie die niederländischen Karibikinseln fallen in diese Gruppe, so dass über die geteilte Antilleninsel Saint-Martin/Sint Maarten eine Grenze zwischen EU (französischer Teil) und ÜLG (niederländischer Teil) verläuft. Da Sint Maarten eines der vier eigenständigen Länder des Königreichs der Niederlande ist und Saint-Martin ein Teil Frankreichs, verläuft hier auch die einzige Landgrenze zwischen Frankreich und den Niederlanden.

In den meisten, aber längst nicht allen EU-Staaten ist der Euro offizielle Währung. Sie bilden die Eurozone. Von den EU-Staaten haben mittlerweile 19 den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt und durch ihn ihre früheren Landeswährungen ersetzt. Bereits vor der Euro-Einführung (die übrigens bereits 1999 stattfand und nicht erst mit der Einführung des Euro-Bargelds 2002) waren einige dieser Landeswährungen direkt oder indirekt Zahlungsmittel in Staaten, die selbst nicht EU-Mitglied waren und sind, nämlich in Andorra (französischer Franc und spanische Peseta), Monaco (monegassischer Franc, an den französischen gebunden), Vatikanstadt und San Marino (jeweils eigene Lira, an die italienische gebunden). Diese Staaten haben den Euro nicht nur automatisch übernommen, sondern zusätzlich auch das Recht erworben, eigene Euro-Münzen zu prägen.

Durch die Anbindung an das Mutterland und die daraus folgende Vollmitgliedschaft in der EU ist der Euro auch gesetzliches Zahlungsmittel in den oben genannten GÄR. Zusätzlich haben vier französische Überseekörperschaften – Saint-Pierre und Miquelon (südlich von Neufundland), Saint-Barthélemy (in der Karibik), die unbewohnte Clipperton-Insel (westlich von Mexiko) sowie die Französischen Süd- und Antarktisgebiete (im Indischen Ozean) – und ein britisches Gebiet – Akrotiri und Dekelia auf der Insel Zypern – den Euro per Vertrag eingeführt. Damit sind diese beiden Sovereign Base Areas (SBA) auf Zypern das einzige britische Hoheitsgebiet, in dem mit dem Euro bezahlt wird.

Es gibt freilich auch andere Organisationen, die Europa im Namen führen, aber in ihren Grenzen nicht immer deckungsgleich mit dem Kontinent sind. Vor allem durch Eurovisions-Sendungen und eigene Veranstaltungen wie den Eurovision Song Contest ist die Europäische Rundfunkunion (European Broadcasting Union = EBU) bekannt, zu deren Mitgliedern auch Rundfunkanstalten aus Mittelmeeranrainerstaaten in Afrika (Ägypten, Algerien, Marokko, Tunesien) und Asien (Israel, Jordanien, Libanon) gehören sowie aus Armenien und Aserbaidschan, deren Zugehörigkeit zu Europa von der Grenzziehung abhängt.

Ebenfalls sehr bekannt ist die Union europäischer Fußballverbände (UEFA), eine der sechs Kontinentalkonföderationen des Weltfußballverbands (FIFA). Sie richtet Fußballwettbewerbe auf europäischer Ebene aus, doch längst nicht alle ihre Mitglieder gehören geographisch zu Europa. Unter anderem sind auch hier Verbände aus Armenien und Aserbaidschan vertreten, aber auch aus Staaten wie Georgien, Israel, Kasachstan, Russland, der Türkei und Zypern, die ganz oder größtenteils in Asien liegen.

Je nach Betrachtungsweise reicht der Begriff Europa also weit über die (vagen) Grenzen des Kontinents hinaus. Er geht übrigens – wie so vieles – auf einen altgriechischen Namen zurück: Εὐρώπη (Eurṓpē). Nach griechischer Mythologie soll Göttervater Zeus in Gestalt eines Stiers eine phönizische Königstochter mit diesem Namen nach Kreta ent- und dort verführt haben. Als geographischer Begriff wurde Europa erst allmählich erweitert: Anfangs bezog er sich nur auf die Peloponnes, später auf alles Land nördlich des Mittelmeers, das man so gegenüber Asien und Afrika abgrenzte. Die Darstellung Europas auf dem Stier ist in der Kunst weitverbreitet. Seit 2013 sieht man sie auch auf den Fünf-Euro-Banknoten der zweiten Serie und seit 2014 auf dem Zehn-Euro-Schein. Überraschenderweise zierte sie aber bereits 1950 die Vorderseite des Fünf-D‑Mark-Scheins der zweiten Serie der Bank deutscher Länder!

Eine ausführliche Version dieses Beitrags gibt es in meinem Buch Dr. Kinnes Sprechstunde, das auch einen Link zu meinem Online-Quiz enthält.

 

Image by Hans Braxmeier from Pixabay

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