Wer wohnt denn da?

Wer wohnt in Österreich? Österreicher! Und in Berlin? Berliner! (Wer hat hier „Schwaben“ gesagt?) Es scheint zunächst recht einfach, die Namen für die Bewohner einer Stadt, einer Region oder eines Landes zu bilden, indem man -er anhängt (oder -erin, wenn man eine explizit weibliche Form bilden möchte). Aber es gibt, wie immer, auch zu dieser Regeln Ausnahmen. Während man sie beispielsweise auf Staatennamen wie Lesotho oder Togo, die auf -o enden, problemlos anwenden kann, muss man feststellen, dass die Bewohner Marokkos Marokkaner, die Montenegros Montenegriner, die des Kosovos Kosovaren und die der beiden Kongos Kongolesen sind. Plötzlich stellt man fest, dass Ibizenker (von kastilisch ibizenco und katalanisch eivissenc) nicht etwa in der Lindenstraße wohnen, sondern auf der Insel Ibiza (katalanisch Eivissa). Es ist offensichtlich, dass wir hier mit festen Regeln nicht weiterkommen. Aber vielleicht entdecken wir ja zumindest eine gewisse nachvollziehbare Logik …

In unserer nächsten Umgebung fällt zunächst auf, dass die Bewohner von Deutschland Deutsche heißen, die der Niederlande aber Niederländer. Das mag auf den ersten Blick inkonsequent erscheinen, ist aber bei genauerem Hinsehen völlig logisch: Das eine Land ist schließlich nach dem Volk benannt („Land der Deutschen“), das andere nach seiner Topographie („niedere Lande“). Nach der gleichen Logik sind auch die Bewohner des Rheinlands (nach dem Fluss benannt) Rheinländer und die Bewohner Jütlands (nach dem Volksstamm benannt) Jüten. Analog zu Deutschland sind unter anderem auch die Länder der Esten, Finnen, Goten, Griechen, Kuren, Letten, Liven und Russen benannt, die teils selbständige Staaten (Estland, Finnland, Griechenland, Lettland, Russland) bezeichnen, teils Landschaften oder Provinzen (Gotland, Kurland, Livland). Die Regel gilt zudem für die meisten Länder mit der Endung -stan, die ebenfalls „Land“ bedeutet: In Afghanistan, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan wohnen folglich Afghanen, Kasachen, Kirgisen, Tadschiken bzw. Usbeken. Lediglich Pakistan wird von Pakistanern bewohnt, denn Pakistan ist ein im 20. Jahrhundert entstandenes Kunstwort (mit umstrittener Etymologie), das nicht auf einen Volksstamm zurückzuführen ist. Im Unterschied dazu gilt die gleiche Regel wie für die Niederländer beispielsweise auch für Grönländer (Grönland = „Grünland“) oder Isländer (Island = „Eisland“).

So weit, so einleuchtend. Aber wie sieht es mit Irland, Schottland und England aus, dem Land der Iren, Schotten bzw. Angeln? Obwohl England kein „enges Land“ ist (wenngleich die Bezeichnung Angeln etymologisch möglicherweise mit unserem Wort eng verwandt ist), nennen wir die Bewohner Engländer – und unsere hübsche Theorie über die namensgebenden Volksstämme ist hinfällig. Jenseits der deutschen Sprache scheint die Welt dagegen in Ordnung zu sein: Unsere Nachbarn in Europa hingegen nennen die Bewohner von Angleterre (französisch), Inglaterra (spanisch) oder Inghilterra (italienisch) Anglais, Inglés bzw. Inglese. Aber gerade in dem Moment, wo wir unseren romanischen Freunden einen Sonderpreis für sprachliche Logik verleihen wollten, stoßen wir auf ihre Bezeichnung für die Iren: irlandais, irlandés und irlandese – hier müssen wir wieder einen Punkt abziehen. Überhaupt verwenden die Franzosen für die vier Länder des Vereinigten Königreichs vier verschiedene sprachliche Varianten, den Begriff Land auszudrücken. Während es im Deutschen dreimal -land und dazu noch Wales (ohne Endung) – ein Exonym, das auf die germanische Bezeichnung Welsche für die Kelten (und später auch romanischsprachige Stämme) zurückgeht – gibt, finden wir im Französischen Angleterre (vom lateinischen Wort terra), Irlande (vom germanischen land), Pays (das französische Wort für „Land“) de Galles und schließlich Écosse (vom lateinischen Scotia, wie in Nova Scotia = „Neuschottland“). Im Italienischen (Inghilterra, Irlanda, Galles, Scozia) und Spanischen (Inglaterra, Irlanda, Gales, Escocia) ist es ähnlich.

Die einzige Regel – im Deutschen wie auch in anderen Sprachen – scheint zu sein, dass es keine gibt. Um nicht zu weit auszuschweifen, wollen wir uns hier auf den deutschen Sprachraum konzentrieren. Wenn man nicht weiter weiß, bieten neben Wörterbüchern die Außenministerien der deutschsprachigen Länder recht brauchbare und meist auch aktuelle Hilfestellungen, denn hier ist man zu Recht darauf bedacht, in keine diplomatischen Fettnäpfchen zu treten. Das deutsche Auswärtige Amt (AA) veröffentlicht daher ein Verzeichnis der Staatennamen für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland, das regelmäßig aktualisiert wird und auch die „Bezeichnung der Staatsangehörigen“ aufführt. Eine andere Quelle ist die Liste der Staatennamen und ihrer Ableitungen im Deutschen, die der Ständige Ausschuss für geographische Namen (StAGN) herausgibt und die seltener aktualisiert wird als die AA-Liste, dafür aber auch Hinweise zum abweichenden Gebrauch in der Schweiz und in Österreich enthält. Schlägt man hier nach, stellt man beispielsweise fest, dass die Bewohner des früher als Swasiland bezeichneten Staates in Deutschland damals Swasi hießen (analog zu den Schotten), aber in Österreich Swasiländer (analog zu den Engländern). Seit der Umbenennung des Landes in eSwatini (deutsche Schreibung Eswatini) haben sie aber ihre Bezeichnung komplett verloren – jedenfalls in den amtlichen Verzeichnissen.

Die große Verwirrung auf diesem Gebiet hat auch zur Folge, dass es gerne einmal in Quizshows abgefragt wird – mitunter aber sogar den Fragesteller verwirrt. So wurde in einer Ausgabe der ARD-Ratesendung Wer weiß denn sowas? die Frage gestellt, ob die Sängerin Rihanna a) Barbadosserin, b) Barbadossin oder c) Barbadierin sei, wobei Moderator Kai Pflaume die (korrekte) Lösung c „Barbadierin“ betonte, also dier wie in Tier und mit der Betonung auf der vorletzten Silbe, was die Ratenden wohl unnötig verwirrte und zu einer falschen Antwort führte. Dabei muss man bei Barbados (im Deutschen mit Betonung auf der ersten Silbe, im Englischen auf der zweiten) nur an Kanada (im Deutschen wie im Englischen [Canada] mit Betonung auf der ersten Silbe) denken: Die Einwohner heißen Bar-ba-di-er beziehungsweise Ka-na-di-er – mit der Betonung auf der zweiten Silbe und einer deutlichen Trennung von i und e (denn das e fungiert hier nicht als Dehnungs-e, wie in Tier, sondern hat die gleiche Funktion wie das -er bei Spanier, das ja auch nicht wie Panier ausgesprochen wird. (Der einzige andere Staat, der auf -os endet, Laos, folgt wieder einer anderen Regel: Hier heißen die Bewohner Laoten.)

Apropos -ier: In den meisten Fällen sind die Bewohner von Ländern, die auf -ien enden, -ier: Algerier, Armenier, Äthiopier, Australier, Belgier, Bosnier, Georgier, Indonesier, Nordmakedonier, Mauretanier, Mikronesier und Spanier. Wir könnten uns auch hier wieder über die Entdeckung einer kleinen Regelmäßigkeit im großen Chaos freuen – doch auch von dieser „Regel“ gibt es zahlreiche Ausnahmen: in Mittel- und Südosteuropa heißen die Bewohner Albaniens Albaner (ohne -i-!), die Bulgariens Bulgaren, die Kroatiens Kroaten, die Rumäniens Rumänen, die Serbiens Serben, die Sloweniens Slowenen und die Tschechiens Tschechen, in Südwesteuropa sind die Bewohner Kataloniens (katalanisch Catalunya) Katalanen. Die Bewohner der Landschaft Dalmatien heißen – wie die Hunderasse, die von dort stammt – Dalmatiner, wenngleich die Region nach dem illyrischen Stamm der Dalmaten benannt wurde. In Südamerika heißen die Bewohner Boliviens Bolivianer und die Brasiliens Brasilianer. Die Bewohner Indiens heißen schlicht Inder, und hier könnte man scherzhaft sagen: Wenn sie in Amerika lebten, hießen sie wohl – analog zu Bolivianern und Brasilianern – Indianer.

Die Endung -aner für die Einwohner ist ansonsten bei vielen Staaten (und auch zwei Erdteilen) zu finden, die auf ‑a oder -an enden: Afrikaner (im weiteren Sinn für die Bewohner des Kontinents Afrika [Plural Afrikaner], im engeren Sinn für Buren [Plural Afrikaners]), Amerikaner (im weiteren Sinn für die Bewohner des amerikanischen Doppelkontinents, im engeren Sinn für die der USA), Andorraner, Angolaner, Antiguaner (mehr dazu weiter unten), Costa-Ricaner (früher Costaricaner), Dominicaner (für die Bewohner von Dominica, nicht zu verwechseln mit den Dominikanern aus der Dominikanischen Republik!), Jamaikaner, Kambodschaner, Kenianer, Koreaner, Liberianer, Lucianer (auch dazu mehr noch im folgenden Text), Puerto-Ricaner, Samoaner, Südafrikaner, Venezolaner (aus Venezuela) und Zentralafrikaner einerseits (Endung -a), Aserbaidschaner, Bhutaner, Iraner andererseits (Endung -an). Ein weiteres Beispiel für diese Endung sind Ländernamen wie Fidschi oder Haiti, die auf -i enden und deren Bewohner Fidschianer bzw. Haitianer heißen (im Unterschied zu Burundiern, Kiribatiern und Maliern aus Burundi, Kiribati [ausgesprochen kiripes] bzw. Mali), oder – aus Ländern mit der Endung -o – die Marokkaner und Mexikaner aus Marokko bzw. Mexiko (im Unterschied – siehe ganz oben – zu Lesothern aus Lesotho, den Monegassen aus Monaco, den Montenegrinern aus Montenegro und den Togoern aus Togo [nicht die Erfinder des gleichnamigen Kaffees]). Die Honduraner aus Honduras folgen der gleichen Regeln wie die Texaner aus Texas. Analog zum Englischen gibt es auch den Kansaner und den Arkansaner als Bewohner der jeweiligen Bundesstaaten, aber der Gebrauch dieser Begriffe ist recht selten. Man findet den Arkansaner immerhin bei Friedrich Gerstäcker (1816–1872) in seinem Buch Amerikanische Wald- und Strombilder, doch beim Filmtitel The Kansan (1943) behalf man sich mit Der Sheriff aus Kansas. Hinzu kommen als -aner noch die Niueaner aus Niue, die Mosambikaner aus Mosambik und die Peruaner aus Peru (im Unterschied zu den Tuvaluern und Vanuatuern aus Tuvalu bzw. Vanuatu).

Ebenso wie es für Länder mit der Endung -i, -o und -u also keine einheitliche Regelung gibt, finden wir auch für die (weitaus verbreitetere) Endung -a zahlreich Abweichungen. In vielen Fällen wird die Einwohnerbezeichnung nämlich durch das schlichte Anhängen von -er gebildet (also ohne -an-), entweder an den Wortstamm (ohne -a) oder an den ganzen Landesnamen – also die eingangs erwähnte banalste Form. Aufgrund der vielen Abweichungen von dieser „Regel“ wird allerdings recht oft eine falsche Bezeichnung mit -aner (analog zu den Beispielen im Absatz zuvor) oder gar -ese (analog zu China/Chinese) gebildet. Korrekt sind aber nur diese Formen: Botsuaner (hier könnte man die Endung -aner vermuten, aber das -an- steckt ja schon im Stamm Botsuana), Burkiner (von Burkina Faso), Eritreer, Gambier, Grenader (mehr dazu weiter unten), Guineer, Guyaner, Namibier, Papua-Neuguineer, Ruander, Sambier, Somalier, Tansanier und Ugander (wobei jeweils das Endungs-a entfällt) sowie Ghanaer, Panamaer und Tongaer (mit erhaltenem -a). Haben wir nun alle Varianten für Länder abgedeckt, die mit -a enden? Schön wärʼs – wenn da nicht noch die Bewohner Guatemalas wären, die man Guatemalteken nennt!

Wir sehen also: Auch wenn man gewisse Regelmäßigkeiten feststellen und kleine Gruppen bilden kann, die ähnlichen Regeln folgen, gibt es immer noch ein paar Bezeichnungen, die völlig aus der Reihe tanzen. Die schon erwähnten Monegassen bilden immerhin eine Zweiergruppe mit den Madagassen aus Madagaskar, auch wenn diese beiden Länder ansonsten recht wenig verbindet. Ganz allein steht hingegen Côte dʼIvoire, dessen Bewohner Ivorer heißen.

Bei Staaten mit Doppel- oder Mehrfachnamen (von denen viele im mittelamerikanischen Raum zu finden sind) stehen wir vor dem gleichen Problem wie bei den (im Alltag wohl häufiger präsenten) Briten. Wir haben es schon an anderer Stelle angesprochen: Nicht jeder Bewohner des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland ist – im strengen Sinn – Brite. Dementsprechend sind die Bewohner von Barbuda auch keine Antiguaner, aber dennoch werden die Bewohner des gesamten Staates Antigua und Barbuda so bezeichnet. Sind folglich auch alle Bewohner von Trinidad und Tobago Trinidader? Auf keinen Fall! Dieser Staat vor der Nordküste Südamerikas hat – laut AA und StAGN – keine übergreifende Bezeichnung für die Landesbewohner, ebenso wie der einzige Doppelnamenstaat Europas, Bosnien und Herzegowina. Ähnlich verhält es sich mit zwei weiteren Karibikstaaten: Während alle Bewohner von St. Vincent und den Grenadinen als Vincenter bezeichnet werden dürfen, gibt es für die Bewohner von St. Kitts und Nevis keinen Sammelbegriff. (Das Schicksal, keine Bezeichnung für die Bewohner in der deutschen Sprache zu haben, teilt man sich übrigens auch mit Cabo Verde und Timor-Leste.) Die Bewohner der Inselgruppe der Grenadinen werden als Grenadiner bezeichnet und sind nicht mit den Grenadern – den Bewohnern von Grenada – zu verwechseln. Da alle Inseln Grenadas aber zu den Grenadinen gehören, sind alle Grenader auch Grenadiner, jedoch nicht alle Grenadiner sind Grenader, denn die Bewohner der nördlichen Grenadinen (die zum Staatsgebiet von St. Vincent und den Grenadinen gehören) sind, wie gesagt, Vincenter – obwohl St. Vincent, dem sie diese Bezeichnung verdanken, die einzige Insel des Staates ist, die nicht zur Inselgruppe der Grenadinen zählt!

Man kann sich auch fragen, wo das “Saint” (St.) von St. Vincent abgeblieben ist, denn wie die Lucianer – die Bewohner des benachbarten St. Lucia – bleibt es bei der Einwohnerbezeichnung einfach auf der Strecke. Die San-Marinesen (Bewohner von San Marino) und São-Toméer (Bewohner von São Tomé und Príncipe) hingegen dürften das „Sankt“ ihres Staatennamen (in der italienischen bzw. portugiesischen Form) behalten.

Eine ausführliche Version dieses Beitrags gibt es in meinem Buch Dr. Kinnes Sprechstunde, das auch einen Link zu meinem Online-Quiz enthält.

Image by Noupload from Pixabay

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