Wer in den USA Plakate mit dem Schlachtruf „Let’s Go, Brandon!“ entdeckt hat, mag sich wundern, wenn er erfährt, welch politische Brisanz in diesem augenscheinlich unverfänglichen Schlachtruf steckt – dabei geht es gar nicht um einen Kandidaten namens Brandon. Der NASCAR-Fahrer Brandon Brown, um den es geht, ist auch völlig unschuldig am Entstehen. Der Slogan geht allerdings auf ein Fernsehinterview der NBC-Reporterin Kelli Stavast mit besagtem Rennfahrer zurück, bei dem im Hintergrund Sprechchöre von Zuschauern zu hören waren, die ihren Unmut über die Politik ihres damaligen Präsidenten zum Ausdruck bringen wollten. Ihr “Fuck Joe Biden!” („Fick Joe Biden!“) war (über)deutlich im Fernsehen zu hören. Was die Sportfans vor Ort vermutlich beabsichtigten, war der Reporterin peinlich, die den Zwischenfall geistesgegenwärtig umzudeuten versuchte, indem sie ihren TV-Zuschauern erklärte, das Publikum feuere den Fahrer mit dem Ruf “Let’s go, Brandon!” („Auf geht’s, Brandon!“) an. Die Biden-Gegner, denen man sozusagen die Luft aus dem Protest gelassen hatte, griffen den uminterpretierten Slogan dann ihrerseits auf und verwendeten ihn fortan als fernsehtaugliches und zensurresistentes Substitut für den eigentlichen Schmähruf.
Wenn es darum geht, sich innerhalb einer geschlossenen Gruppe zu verständigen, dann ist mag eine Geheimsprache nützlich sein, denn man kann sich sicher halbwegs sein, von den Eingeweihten verstanden zu werden und kann auf diese Weise zugleich ganz bewusst bestimmte Menschen vom Verständnis ausschließen. Früher markierten Einbrecher beispielsweise Hauswände mit den sogenannten Gaunerzinken, um ihren Kollegen Hinweise zu geben („Hier gibt es Geld“ etwa oder „Vorsicht, bissiger Hund!“), die die jeweiligen Hausbesitzer freilich nicht verstehen sollten.
Doch was geschieht, wenn man keine eigene Geheimsprache erschaffen möchte, sondern in die Allgemeinsprache eingreift? Was passiert, wenn einzelne Menschen oder Gruppen ihren eigenen Code erschaffen, der sich nicht mit dem Konsens der Sprachgemeinschaft deckt, sie aber dennoch von allen verstanden werden möchten? Auf die Spitze wird dieses Vorgehen von einer Organisation namens PeTA getrieben, deren etwas unglücklich gewählter Name (französisch für „furzte“) tatsächlich für das englische “People for the ethical Treatment of Animals” steht, also „Leute für die ethische Behandlung von Tieren“. Mit einer sogenannten „Anti-Speziesismus“-Kampagne möchte dieser Verein Menschen dazu umerziehen, eine Redensart wie „die Katze aus dem Sack lassen“ durch eine tierfreie Formulierung zu ersetzen. Dazu hat man auch gleich den passenden Vorschlag: „die vegane Calzone aufschneiden“. Wenn der PeTAner also möchte, dass Sie endlich mit einem Geheimnis herausrücken, sagt er: „Nun schneid schon die vegane Calzone auf!“ – und erwartet von Ihnen, dass Sie es verstehen. Und wenn der PeTAner sagt, er habe mit jemandem „Weinblätter zu rollen“, meint er, er habe mit der Person „ein Hühnchen zu rupfen“ – aber eben auf die vegane Art. Wenn diese Sprache tatsächlich von den Vereinsanhängern angewandt würde, wäre die Folge freilich, dass viele Menschen aneinander vorbei redeten und ausschließlich von Gleichgesinnten verstanden würden, die den Schlüssel zu diesem Geheimcode besitzen, also Menschen, die in der gleichen „Blase“ leben.
Es ist bei jeder Art von Code wichtig, dass ihn beide Seiten kennen und er unmissverständlich, also eindeutig ist – denn was verschlüsselt wird, muss schließlich auch entschlüsselt werden, sonst verliert es jeden Sinn. Ich selbst sah vor einiger Zeit einen Post bei X, der im Bild ein Mobiltelefon zeigte, dazu den Schriftzug „Akku leer?“, und anschließend – sinngemäß – die Empfehlung, bei Depressionen Hilfe zu suchen. Ich verstand den Post (wie sich herausstellte irrtümlich) so, dass Menschen, die bei einem leeren Telefonakku in Depressionen verfallen, Hilfe suchen sollten. Angesichts der mir bekannten Tatsache, dass Menschen mit schwerwiegenden Depressionen – ausgelöst durch ernsthaftere Probleme als eine leere Batterie – Schwierigkeiten hatten, Termine bei Therapeuten zu erhalten, fand ich es übertrieben, einen leeren Akku zu einem depressionsauslösenden Problem hochzustilisieren. Nachdem ich dies öffentlich geäußert hatte, wurde ich von anderen Nutzern – dankenswerterweise weitgehend sehr höflich – darauf hingewiesen, dass der „leere Akku“ in einschlägigen Kreisen ein Codebegriff war, der sich auf die Psyche bezog und nicht auf das (abgebildete) Telefon. Mir fehlte also der Schlüssel, um den Code zu dechiffrieren – mehr noch: Ich erkannte ihn überhaupt nicht als Code und verstand das Bild samt Text wörtlich.
Solche Missverständnisse sind aber nicht nur alltäglich, sondern sie sind quasi vorprogrammiert. Schuld daran ist einerseits das Bestreben, Wörter bewusst zu vermeiden, sei es durch Fremdzensur oder Selbstzensur („Schere im Kopf“). Ein Beispiel für die Fremdzensur: Anfang 2023 entschuldigte sich die Schauspielerin Julia Fox, weil sie eine Mitteilung im Social-Media-Dienst TikTok fehlgedeutet hatte, in der jemand von mascara sprach, was wörtlich einfach nur „Wimperntusche“ bedeutet. Ihr war nicht bewusst, dass viele Nutzer die Zensuralgorithmen solcher Dienste umgehen, indem sie Wörter, auf die die Algorithmen programmiert sind und die zur Löschung ihres Beitrags führen könnten, durch andere, bewusst unverfänglich klingende ersetzen – eine Praxis, die als Algospeak bezeichnet wird, weil sie versucht, die Algorithmen zu täuschen. So hat sich mascara – vermutlich wegen des Form der Bürste zum Auftragen – als Codewort sowohl für „Penis“ oder (im erweiterten Sinn) „Sexualpartner“/„Freund“, aber als auch für „sexuelle Gewalt“ etabliert … zumindest unter Eingeweihten. Und genau hier liegt das Problem.
In Textnachrichten hat sich die Verwendung von Obst-Emojis anstelle diverser Körperteile schon so weit verbreitet, dass es praktisch unmöglich geworden ist, bestimmte Emojis zu versenden, ohne Missverständnisse zu provozieren. Doch welche Emojis sind dann überhaupt noch unverfänglich? Im Internet kann man in einschlägigen Ratgebern, die sich hauptsächlich an besorgte Eltern richten, die gerne das “Sexting” ihrer Sprösslinge entschlüsseln möchten, nachlesen, dass etwa Donut, Taco, Sushi, rosa Blume, Katze, Tiger, Honigtopf und die Hand mit dem Victory-Zeichen allesamt für weibliche Genitalien stehen können, während Avocado, Banane, Rakete, Maiskolben, Hahn, Schlange, Elektrostecker, Joystick, Rakete, Babyflasche und Lippenstift das männliche Pendant symbolisieren können. Alle Symbole sind freilich nach Belieben kombinierbar. Wenn man dann auch noch erfährt, dass ein Pizzastück für „Dreier“ steht, fragt man sich, was wohl mit einer Calzone gemeint sein mag …
Wenn Sprache also (analog zur nahezu wahnhaften „Verpixelungssucht“ im Bereich der Bilddokumentation) verschleiert statt auszudrücken, verfehlt sie ihre so oft erwähnte Grundaufgabe: die der Kommunikation – und wenn man schon einen „Code“ verwendet, sollte man ihn auch kennen. Ist das nicht der Fall, bricht die Kommunikation (Sinn und Zweck von Sprache!) vollends zusammen, weil Sprecher/Hörer oder Schreiber/Leser nicht über das gleiche Code-Buch verfügen.
Als Annalena Baerbock 2021 auf Druck ihrer Partei ein kleinlautes mea culpa tweetete, war ihr nicht klar, dass sie sich für ein Wort entschuldigte, das sie überhaupt nicht gebraucht hatte (die ganze Geschichte gibt es in meinem Buch Gewagt gesagt im Kapitel „C Is Not for Cookie“). Auch sie war Opfer des Codierungswahns geworden, der nur noch A-, B-, C- (usw.) Wörter kennt, aber nicht mehr die Sprache an sich zur Verständigung nutzt. Dabei scheinen die Benutzer solcher „Code-Wörter“ zu vergessen, dass unser Alphabet nur über ein begrenztes Buchstabenrepertoire verfügt, das sich bald erschöpft haben wird – oder bereits erschöpft ist. David Sedaris erzählte 2019 im Guardian von einer Frau, der ein Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte, gestand, er fürchte sich vor dem “C-word”. Die Frau schloss daraus, er habe Angst vor ihrer Vagina, da sie den Code-Begriff als Euphemismus für das vulgäre Wort cunt („Fotze“) entschlüsselte. Tatsächlich aber wollte ihr der arme Mann nur zu verstehen geben, dass er sich einfach nicht binden wolle: Für ihn stand der Begriff stellvertretend für das (überhaupt nicht vulgäre) commitment – honi soit qui mal y pense. Man kann es der Frau aber kaum verübeln, dass sie die verschlüsselte Botschaft nicht korrekt dechiffrierte. Katarina Lindahl hatte bereits elf Jahre zuvor eine Reihe von Ausgaben der beiden britischen Tageszeitungen The Guardian und The Observer aus dem Jahr 2005 analysiert und fand dort in 26 Fällen den Begriff C‑word – allerdings mit sage und schreibe vierzehn (!) verschiedenen Bedeutungen: In neun Fällen war cunt gemeint, in vier Fällen cancer („Krebs“), in zwei Fällen celebrity („Prominenz“) und in je einem Fall (in alphabetischer Reihenfolge) Cadillac, charlatan („Scharlatan“), Chelsea, Christmas („Weihnachten“), comrades („Genossen“), convergence („Konvergenz“), cooking („Kochen“), corpse („Leiche“), corruption („Korruption“), cricket („Kricket“) und crime („Verbrechen“). Die Bedeutung commitment war noch nicht einmal in dieser Liste enthalten! (Und übrigens auch nicht das C-Wort Cookie, das uns das Cookie Monster in der Sesamstraße einst gelehrt hatte.)
Vermutlich verschickt der verkannte Verehrer aus diesem Beispiel auch Textnachrichten mit dem Nudelschalen-Emoji, wenn er jemanden zum Essen einladen möchte – und weiß nicht, dass “noods” (“nudes”) auch die Aufforderung sein kann, Nacktfotos zu schicken. Armer Kerl.
Image by Kerstin Herrmann from Pixabay

Manchmal wollen die Benutzer von Code auch einfach nur andere Menschen aus ihrer Kommunikation ausschließen. Ein lustiges Beispiel hierfür ist im Film „High Anxiety“ von und mit Mel Brooks zu sehen. Als auf einer gynäkologischen Fachtagung plötzlich Kinder im Publikum gesichtet werden, ersetzt der Referent (Mel Brooks) eindeutige Bezeichnungen für Geschlechtsorgane durch Worte, die auf die Kinder nicht verstörnd wirken sollen. Der Anblick eines erwachsenen Mannes, eines Fachreferenten mit wissenschaftlicher Reputation, der statt „Vagina“ jetzt „Mumu“ sagen muss, ist schon recht speziell. Wer den Film kennt, war von dieser Szene bestimmt ebenso erheitert wie ich.
Meiner langen Rede kurzer Sinn: Manchmal bleibt man außen vor, weil man die Codes nicht versteht. Und manchmal bleibt man außen vor, weil man sie nicht verstehen soll.
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